Liebe Gemeinde,
es war im herrlichen Sonnenschein, dass eine Familie Spazieren ging. Die Mutter machte ein kleines Video mit dem Handy. Es wird gezeigt, wie der Vater sich auf den Boden setzte. Der kleine fröhliche Junge, wohl so um die 2 Jahre alt, pflückte eine Blume im Garten. Doch plötzlich entdeckte er etwas Dunkles neben sich, und es bewegte sich. Er schreckte auf und ging 2 Schritte zurück weg, drehte sich gespannt um. Da war es wieder, ganz dich bei ihm. Und er schrie auf: Etwas Schwarzes jagt mich! Während er mit großen Augen Richtung Vater flüchtete, wandte er noch einmal den Blick nach hinten. Genau wie er, rannte das Monster schneller und schneller, als ob es nach ihm greifen würde. Endlich erreichte der kleine Junge angstschreiend die rettenden Arme des Vaters. Auf dem Video konnte man die lachende Stimme der Mutter hören, vermischt mit der immer wieder beruhigende Stimme des Vaters: „Es ist doch alles gut; es ist doch gut. Das war nur dein Schatten.“ Durch das Schluchzen des Kindes erklärte der Vater weiter: „Guck mal, ich habe auch einen Schatten. Das ist wegen dem Licht. Und Mama hat auch einen Schatten.“ Zuerst heulte der Junge nur vor sich hin; jedoch dann endlich mit viel Mut zeigte der Kleine sein Gesicht und folgte dem, was sein Vater erklärte. Da endet das Video.
Der Schatten in mir! – gebe ich die Überschrift von diesem Abschnitt. Also, nicht neben mir. Auch nicht: der Schatten der anderen. Sondern: das Böse in mir. Wie gehe ich damit um?
Seht, kleine Kinder können kaum unterscheiden zwischen sich und ihren Gefühlen. Wenn sie lachen, dann lachen sie mit ganzer Hingabe. Sie sind wie das Lachen selbst – darum muss man ja einfach mitlachen, so wie so kleine Wesen einem anlachen. Und wenn sie weinen, dann weint ihre ganze kleine Seele herzzerreißend. Erst mit den Teenagerjahren und im jungen Erwachsenalter lernt ein Mensch, zwischen sich selbst und den Gefühlen zu unterscheiden. Man kann schauspielern. Man kann eine Maske aufsetzen. Man kann fröhlich aussehen und doch innerlich betrübt sein. Man kann über das eigene Denken nachdenken. Ich kann unterscheiden, was in mir vorgeht. Ich werde mir meiner selbst bewusst.
Paulus spricht hier als mündiger Christ, der sich selbst bewusst geworden ist, was in ihm vor sich geht. Und das ist zunächst erschrecken. Da ist das Dunkle in mir. ABER (und das ist ein großes „aber“), das Dunkle erkennst du nur, weil das Licht scheint.
Ein Ungläubiger, jemand ohne Christus – dieses Art Menschsein ohne Christus hatte Paulus schon in den Kapitel 1-3 beschrieben. Es sind Menschen, die wissen gar nichts von dem Bösen in sich, denn sie bewegen sich sowieso nur in der Dunkelheit ihres Daseins. Sie sind wie blind und folgen nur ihren Gefühlen, ihren Trieben. Sie tun, was sie wollen.
Und das Unheimliche an der Sünde ist, wie Paulus es beschreibt: Gott hat sie dahingegeben. Menschen müssen tun, was sie wollen. Menschen verdrehen in ihrem verkehrten Sinn alles, womit sie zu tun haben. Zuerst wollten Menschen selbstherrlich sein; dann hat Gott sie dahingegeben – nun müssen sie sich selbst verherrlichen, und sie werden wie eine kleine Leuchtrakete bald verlöschen. Sie fangen an, die Schöpfung anzubeten anstatt den Schöpfer. Zuerst wollten sie lieben; dann hat Gott sie dahingegeben – nun verdrehen sie die natürliche Liebe in die widernatürliche Liebe, und sie werden den Lohn der Sünde an ihren eigenen Leib erfahren. Zuerst wollten sie Macht und Ehre – nun müssen sie nach Macht und Ehre streben, und verfallen weiter und weiter in die dunkle Macht der Finsternis. Und merken gar nicht, was sich da für ein Urteil Gottes in ihnen abspielt.
Nun aber, schreibt Paulus in Römer 3. Nun aber kam das Licht. Nun kam Christus und hat sich selbst dahingegeben in die Verlorenheit des Menschen (Joh 3:16). Er ist in die Dunkelheit hineingegangen. ER hat das Menschsein auf sich genommen und ausgehalten. Er hat den Fluch des Gesetzes auf sich genommen und uns mit Gott versöhnt. Nun aber in Christus ist da Frieden zwischen Gott und Mensch. Das ist ein Gong-schlag, der durch die ganze Menschheitsgeschichte geht: Röm 3:21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. 22 Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen und auf alle, die da glauben.
Glauben bedeutet hier: Das ist wahr! Das gilt mir! Darauf verlasse ich mich im Leben und im Sterben: Christi Blut und Gerechtigkeit – das ist mein Schutz und Ehrenkleid. Damit will ich vor Gott besteh’n, wenn ich zum Himmel werd‘ eingehen. In Christus geht mir der Himmel auf, und alle himmlischen Gnadengaben werden mir geschenkt. Nun ist da Frieden und Freude. Nun ist da Freiheit und wahre Liebe und Einheit und Seligkeit.
Aber noch sind wir nicht im Himmel. Das Licht leuchtet. Und wenn die Sonne scheint, sehen wir die Schatten. Noch einmal: Ohne Sonne erkennen wir das Böse gar nicht; es ist alles dunkel. Aber mit dem Licht wird uns endlich klar: da ist noch viel Schatten in mir.
Diese Realität beschreibt Paulus in Römer 7 – der innere Kampf. In Christus bin ich heilig, gerecht und gut. Aber in der Sünde bin ich böse und verurteilt. Beides ist unsere Wirklichkeit als Christ.
Es ist eine Entdeckung, die auch Menschen wie Martin Luther durchgelitten hat. Martin Luther war jemand, der wirklich ernst gemacht hat mit dem Gesetz. Er hat alles getan, was ihm die damalige Kirche vorgeschrieben hatte, wie man ein guter Mensch wird. Da gab es hunderte Vorschriften. Besonders deutlich wird das anhand der Beichte – das sagte die kirchliche Vorschrift: Du musst alle deine Sünde bekennen. Wenn eine Sünde nicht bei Namen genannt wird, wird sie nicht vergeben. Du musst die Sünde bereuen – tiefen innerlichen Schmerz spüren über deine Sünde. So hat er sich selbst manchmal mit der Peitsche geschlagen, damit er Schmerzen spüren kann, damit Gott es doch sehen möge, wie ernst er es meint. Und du musst dazu gute Taten tun, wie es der Priester vorschrieb, wie man die bösen Taten wieder mit guten Taten kompensiert. Wenn du das alles tust, dann wir ein Gefühl des Friedens über dich kommen und du wirst wissen, dass Gott dir vergeben hat.
Dieses Gefühl des Friedens hatte Luther nie bekommen, obwohl er alles wiederholt folgte. Wenn Gott das fordert, dann muss er das auch tun. Er hat sich kaputt gemacht, bis so weit, dass er den Gott, den er lieben sollte, hasste. Ich schaffe es nie, was Gott fordert. Denn Gott verdammt nicht nur die äußeren Sünden, sondern auch die Gedanken und die böse Neigung des Herzens. Aber ich kann mich ja in meiner Natur nicht ändern.
Bis endlich Luther entdeckte: Nun aber werden wir gerecht gesprochen, ohne unsere Werke, allein aus Gnaden, weil Christus alles für uns getan hat. Das Evangelium (Röm 1:21), das Wort ist die Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Das Wort spricht dich frei, los und ledig von allen deinen Sünden. Zusammen mit Psalm 31: Herr, mache mich Gerecht durch DEINE Gerechtigkeit – hat Luther erkannt: Es ist Gnade allein. Es ist das Wort allein, Es ist Christus allein. Es ist Glaube allein, der selig macht. Halleluja!
Jedoch, da endet das Leben eines Christen noch nicht. Genau wie Paulus nicht bei Römer 3 endet, oder bei Römer 6 – frei vom Tod. Sondern Römer 7 beschreibt den inneren Kampf eines Christen. Wir sind frei vom Gesetz.
Nun müssen wir doch noch bisschen klären, was meint Paulus mit „Gesetz“? Damit es nicht zu kompliziert wird, werde ich hier nur zwei Bedeutungen geben (aber es gibt mehr).
Das eine kennen wir: Das Gesetz sind die zehn Gebote. Das Gesetz ist DAS, was Gott von uns fordert: du musst dies und das und jenes tun. Tue das Gesetz – und du wirst leben. Da sagt Paulus: Das Gesetz ist gut; es kommt von Gott.
Aber das Gesetz verurteilt auch: Wenn du das nicht tust, dann kommt Gottes Gericht. In dieser Hinsicht fragt Paulus: Bringt mir das Gesetz Gottes denn auch den Tod? Nein, sagt Paulus, das sei ferne! Sondern … ja und jetzt die zweite Bedeutung des Wortes Gesetz.
Mit „Gesetz“ meint Paulus auch die Gesetzmäßigkeit in mir, in meiner Natur als Mensch, in meinem Fleisch. Da ist etwas in mir, das tut dauernd etwas Böse. Ich will es gar nicht, aber dennoch entdecke ich in mir ständig was Falsches. Da komme ich nicht von los. Das ist wie die Erdanziehungskraft – die kann ich nicht abschalten; das ist ein Naturgesetz in mir. Wir hatte vorher schon gesagt: dass ist die dunkle Seite der Sünde, dass Gott Menschen „dahingegen“ hat, dass sie sündigen müssen. Und das ist auch mit Christus nicht einfach weg. Auch mit dem Licht ist der Schatten da. Das ist das „Gesetz“ meines Fleisches, die Gesetzmäßigkeit der Sünde – und das steht unter Gottes Urteil.
Darum der verzweifelte Aufruf: Ich elendiger Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem totverfallen Leib? Und Paulus gibt die Hoffnung: Dank sei Christus. Er hat mich erlöst von Sünde, Tod und Teufel, und ER wird auch eines Tages meinen Leib erlösen. Eines Tages werde ich mit Christus ganz – auch mit meinem Leib, auferstehen = Römer 8. Dann wird „das Gesetz des Fleisches“ keine Macht mehr haben. Dann, in der vollkommenen Erlösung, im Himmel werde ich nicht mehr sündigen können. Aber noch bin ich nicht im Himmel. Noch geht der Kampf weiter.
Paulus beschreibt diese Episode wohl deswegen so ausführlich gegen solche, die noch immer versuchen, mit eigener Willenskraft sich selbst gut zu machen. Die Juden haben gesagt (und sagen es bis heute): Doch, wir schaffen es schon. Wir müssen nur noch ein paar Gesetze dazufügen und die Menschen zwingen, alles zu tun – dann kommt das Reich Gottes. Darum hat Gott uns doch die Gebote gegeben, dass wir sie halten, dass wir gut werden.
Nein, antwortet Paulus. Das Gesetz ist uns gegeben, dass wir erkennen, dass wir es nicht schaffen. Ich selbst, Paulus, habe alles versucht, vor Gott gerecht und gut zu sein. Ich habe in meiner Blindheit mich gerühmt, einer der besten Pharisäer zu sein. Dann aber kam Christus. Und seid dem erkenne ich, dass sogar meine „besten“ Werke wie Dreck sind.
Sein wir doch mal ehrlich. Ich bin nicht, wie ich sein will, sondern ich bin, wie ich bin. Ich schaffe es nicht. Und ihr, alle Rabbis auf einen Haufen, ihr schafft es auch nicht. Aus Gnade allein, spricht Gott uns frei, vergibt alle Schuld und macht uns zu Gottes Kinder.
Sollen wir uns also einfach nur gleichgültig sein gegenüber der Sünde, die in uns ist? Da würde Paulus antworten: Das nur nicht! Wir machen es so wie der kleine Junge im Video: Wir rennen zum Vater, zum Vater des Lichts.
Richtig ist: Solange wir in dieser Welt leben, geht der Schatten mit uns. Aber Wahrheit ist: Wir fliehen zu seiner grundlosen Barmherzigkeit, suchen und bitten um Gnade: Gott, sei mir Sünder gnädig. Und ER, Gott in Jesus Christus, spricht mir sein Heil zu. ER umfängt mich in seiner Liebe und schenkt mir sein Heil.
So muss auch der dunkle Schatten von Golgatha zum Licht werden, denn mein Schatten und SEIN Schatten werden eins. Und sein Licht wird mein Licht. Sein Licht durchleuchtet mich, dass frei und fröhlich werde in Christus, meinen Herrn. Ich bin gewiss, dass nichts mich scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus für mich ist. Röm 8:35-39)
Und der Friede Gottes, der höher ist als aller Verstand, bewahre und halte unsere Gedanken und Herzen in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.
